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  • Helmut

Mein Russland

Aktualisiert: Sept 23

Nachdem ich am Baikalsee und in Baikalsk noch meinen Spaß habe, endet dieser spätestens am Bahnhof in Irkutsk. Das Motorrad müsste in eine Kiste und käme erst in 7 bis 9 Tagen mit einem Güterzug in Moskau an, vielleicht. Nee, nicht mit mir. Womöglich warte ich dann eine Woche am Moskauer Bahnhof auf meine "Transe", so heißt mein Motorrad. Somit beschließe ich, den Heimweg auch mit meinem treuen Reisemotorrad zu fahren. Sind ja eh nur 6500 km in die Ukraine. Wahnsinn, wie soll das gehen? Ich rechne und rechne so dahin, wie lange werde ich brauchen, halte ich das überhaupt aus?

Die Strassen sind gut, sogar sehr gut. So fahre ich dahin und übernachte meistens in den Motels an der Magistrale, so heissen die Hauptverkehrswege in Russland. Begleitet von der transibirischen Eisenbahnlinie, auf der sich unentwegt Züge tummeln, tut sich um mich herum eine faszinierende Landschaft auf. Die sibirische Taiga überrascht mich. Birkenbäume im sumpfigen Boden ragen zu tausenden abgestorben wie Zahnstocher aus dem Boden. Die Stämme sind schneeweiß, das Moorwasser spiegel sich himmelblau unter dem Wolkenhimmel. Tag für Tag das selbe Ereignis und immer wieder bleibe ich stehen, staune und fotografiere. Algenbedeckte Sümpfe, bunte Wasserpflanzen, braunschwarze Bäume und jede Menge Sumpfgräser runden das Schauspiel ab. Eine bizarre Farbenwelt, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Auf die Frage, "wie beschäftigt man sich geistig den ganzen Tag auf einem Motorrad?". Also mal davon abgesehen, dass man auf der Straße bleibt, gibt es da noch andere Möglichkeiten. Ich denke an ein Wiener Schnitzerl, mit Reis und Kartoffeln. Schlechte Idee. Ich rufe aus meinem "Wurlitzer" einen Song ab. Ganz schlechte Idee. Denn nach drei Stunden "De Do Do Do, De Da Da Da" von "The Police" bin ich reif für das Irrenhaus! So ein Ohrwurm brennt sich leicht im Hirn ein und dann hat man ein echtes Problem. Weiters gibt es noch das grosse Ratespiel. Truckermarken erraten! "VOLVO, MAN, IVECO, nö, doch nicht, das war ein RENAULT". Tag für Tag das gleiche Spiel. Mittlerweile habe ich eine Häufigkeitsstatistik aufgestellt. VOLVO 460 und MAN XF führen das Rennen an. Dicht gefolgt von SCANIA, IVECO und KAMAC. Dahinter etwas abgeschlagen MERCEDES, RENAULT und DAF. Unter "ferner liefen" sind da noch MACK, ISUZU und FREIGHTLINER.


Und dann sind da die Truckerfahrer. Ein tägliches überholen und überholt werden macht die Sache ganz schön anstrengend. Am Abend sitze ich dann mit den Truckern beisammen, mit den üblichen Fragen, woher, wohin und warum? Ich lerne Slava und seinen Kollegen kennen, dieser hat heute Geburtstag und schon steht der Wodka am Tisch. Die Chefin des Hauses spendiert auch noch ein Fläschchen und ich kann einem russischen Fiasko gerade noch entkommen.

In Toljatti treffe ich auf Djima, er arbeitet in einem Motorradladen und hilft mir spontan bei der Suche nach einem Zusatzscheinwerfer, immerhin möchte ich auf diesen Strassen gut gesehen werden. Danach lade ich ihn auf ein Bier ein. Es wird ein gemütlicher, lustiger Abend in einem Proberaum im Keller des riesengrossen Stadtkinos. Sein Freund Valeri spielt sehr gut Gitarre, Djima hingegen grottenschlecht Schlagzeug, doch beide haben großen Spaß und spielen mir ein Ständchen. Das gefällt mir und ich darf auch noch in Djima's Wohnung übernachten. So vergeht die Zeit, mühsames Kilometerfressen am Tage und lustige Bekanntschaften am Abend.

Natürlich gibt es auch so manche Hindernisse. So ist es mir kaum gelungen am Morgen den Damen in der Gostinjica an der Kassa ein Lächeln abzuringen. Volltanken und dann bezahlen hab ich einmal geschafft. Fotos ohne Stromleitungen zu knipsen war genauso eine Herausforderung wie die iranische Schüttelwährung in Dollar umzurechnen.


Heute habe ich mein geliebtes Russland verlassen. 6550 km in 13 Tagen waren mühevoll und abwechslungsreich zugleich. Ich für meinen Teil habe die russische Seele liebgewonnen.


Moor in der Taiga.

Abendstimmung am Nachmittag.



Tote Birken im Sumpf.



Ein Lächeln am Morgen?



Trucker Slava und das Geburtstagskind.



Endloser Birkenwald.



Ein Chinese mit seinem Leichtmotorrad.



Kaffeepause im Abseits.

Bierkaufen mit Djima in TOLJATTI.



T 43 gegen PD 06.



Djima auf seiner Harley.



Fotosession mit einem Bär.



Und zum Abschluss eine Sonnenblume.


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